Systemische, verhaltenstherapeutische oder psychodynamische Paartherapie?

Paartherapie Berlin Charlottenburg - Symbol für Vielschichtigkeit
Paartherapie Berlin Charlottenburg - Symbol für Vielschichtigkeit

Was bedeutet systemische, verhaltenstherapeutische oder psychodynamische Paartherapie?

Innerhalb der Psychologie gibt es verschiedene therapeutische Schulen und Ansätze. In Deutschland zählen zu den mitunter größten psychologischen Schulen im Rahmen der Paar- und Familientherapie die systemischen, psychodynamischen und die verhaltenstherapeutischen Ansätze.

Aber auch innerhalb der psychologischen Schulen selbst, kann es wiederrum unterschiedliche Auffassungen, theoretische Annahmen, methodische Schwerpunkte, therapeutische Techniken, etc. geben. Dies mag für Außenstehende verwirrend wirken, aber im Wesentlichen reicht es, die therapeutischen Schulen erst einmal im Groben zu betrachten und sich nicht zu sehr auf die Feinheiten zu versteifen.  

Also was zeichnet diese Schulen jeweils aus und was sind die jeweiligen theoretischen Ansätze?

Verhaltenstherapeutische Paartherapie: Diese psychologische Schule setzt im Kern direkt an der Veränderung des Verhaltens an. Das konfliktbehaftete Verhalten wird als erlernt betrachtet und kann demnach auch wieder durch Umlernen verändert werden. Dysfunktionales Verhalten soll innerhalb der Therapie erkannt und durch funktionale Verhaltensweisen sowie Kompetenzen ersetzt werden.

Wesentlicher Pfeiler in der verhaltenstherapeutischen Paartherapie, ist es durch Anleitung und bestimmten Übungen den Partnern die Chance zu geben, neue Erfahrungen miteinander zu machen, da gerade grundsätzlich neue Erfahrungen beim Erlenen von anderen Handlungsweisen und Kognitionen helfen. Durch konkrete Übungen sollen die negativen Interaktionsmuster ersetzt werden.

Allerdings wird es meistens kaum ausreichen, nur das Verhalten zu ändern, sondern es muss ebenso die kognitive Bewertung bearbeitet, sodass gewisse Verhaltensweisen des Partners oder Partnerin nicht automatisch als negativ erlebt werden. Die Interpretations- und Deutungsprozesse der einzelnen Parteien sollen demnach auch bearbeitet werden.

Systemische Paartherapie: Systemiker betrachten das Individuum nicht nur an sich, sondern immer im Kontext seiner Beziehungen. Es geht um die Wechselwirkung zwischen dem Individuum mit seinen biologischen sowie psychischen Eigenschaften und dem sozialen Umfeld sowie dessen Bedingungen. Im systemischen Ansatz werden eher Ressourcen und neue Möglichkeiten in den Fokus gerückt und weniger Vergangenheit sowie Probleme.

Aus der systemischen Perspektive heraus, werden Beziehungen als Systeme mit gewissen Regeln verstanden, welche konstruiert sind und demnach auch anders gestaltet werden können.  Bereits gebildete Regeln und Schemata der Wahrnehmung kommen bei der Interpretation neuer Erfahrungen zum Einsatz. Neue Erfahrungen werden demnach auf Basis alter Erfahrungen interpretiert. Aufgrund dessen bilden sich in Paarbeziehungen stabile Interaktionsmuster aus, die sich selbst bei neuen Erlebnissen immer weiter durchsetzen – Muster die Leid produzieren, sind demnach auch hartnäckig und schwer zu durchbrechen.

Im Wesentlichen gilt es in einer systemischen Paartherapie die erlebte Wirklichkeit innerhalb der Beziehung als ein subjektives Produkt, also als etwas konstruiertes zu verstehen. Die Paargeschichte soll neu gesehen und es sollen neue Perspektiven für die Zukunft entworfen werden. Beziehung ist nicht etwas was Partner haben, sondern etwas, was hervorgebracht wird. Durch Musterunterbrechung im System soll die Beziehung neue und bessere Ordnungsstrukturen schaffen.

Psychodynamische Paartherapie: Unter den psychodynamischen Ansätzen werden die Psychoanalyse und Tiefenpsychologie gefasst. Im Wesentlichen wird der Fokus auf unbewusste Konflikte gelegt, welche sich aus der Herkunftsfamilie in die neue Partnerschaft übertragen und da reinszeniert werden. Aus einer psychodynamischen Perspektive heraus wird nicht nur das Hier und Jetzt betrachtet, sondern auch die Familiengeschichte bzw. die Entwicklung der einzelnen Parteien. Ziel ist es dem Paar zu helfen, eigenständige Lösungen zu finden, die zur aktuellen Situation unter Einbezug der jeweiligen Lebensgeschichten passen.

Wobei auch hier festzuhalten ist, dass es bei einem psychodynamischen Ansatz nicht darum geht krampfhaft vermeintliche frühkindliche Traumata oder irgendwelche Perversionen zu finden, sondern komplexe psychologischen Zusammenhänge heraus zu modellieren, begreifbar zu machen und Unausgesprochenes zum Vorschein zu bringen.

Analytiker und Tiefenpsychologen sind eher vorsichtig was das Geben von direkt Handlungsanweisungen oder Hausaufgaben für das Paar betrifft. Es wird mit Übertragung, sprich der Reinszenierung von Wünschen, Konflikt- und Rollenmustern sowie der Gegenübertragung, also die Gesamtheit der Reaktionen auf das Gegenüber gearbeitet. Anstatt sich in Argumente oder Diskussion zu verstricken, wird darauf geachtet, was sich in dieser Diskussion zeigt. Also welche Hoffnungen, Wünsche oder Ängste vielleicht nicht direkt angesprochen werden, sich aber durch den Konflikt ausdrücken sowie artikulieren.

Es gibt neben diesen Schulen noch weitere psychologische Auffassungen, welche hier nicht erläutert werden – insb. die humanistische Psychologie sowie die Emotionsfokussierte Therapie wurden hier ausgelassen. Darüber hinaus finden sich unter den verhaltenstherapeutischen, systemischen und psychodynamischen Ansätzen weitere Sub-Schulen, spezielle Methoden, etwas andere theoretische Auffassungen etc., was hier außenvorgelassen wurde. Die Theorien und Methoden der Psychologie werden durch Forschung sowie akademische Diskussion immer weiterentwickelt.

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